Die Erinnerung bekommt einen Platz
„Wenn man an die Toten denkt, sind sie nicht tot“, sagt Tanja. Die 59-Jährige besucht seit vielen Jahren den Kontaktladen Café Koko der Diakonie An Sieg und Rhein. Am Internationalen Gedenktag für verstorbene drogengebrauchende Menschen erinnert sie sich dort an ihren Partner Dirk, der vor sechseinhalb Jahren gestorben ist. Besonders gern denkt sie an den Moment zurück, als die beiden zum ersten Mal Hand in Hand in die Szene kamen. „Da wussten alle: Wir gehören zusammen“, erzählt Tanja. Dirk sei dort sehr beliebt gewesen. Deshalb ist es ihr wichtig, dass an diesem Tag auch sein Foto im Café Koko zu sehen ist – neben den Erinnerungen an viele andere Menschen, die fehlen.

© Nastassja Lotz/Diakonie An Sieg und Rhein
Tanja ist mit ihrer Trauer nicht allein. Einige Besucher*innen schreiben Namen auf Gedenksteine, andere lassen gemeinsam Ballons steigen oder bleiben einen Moment still. In einer Andacht werden die Namen der fünf Menschen aus dem Umfeld des Café Koko verlesen, die seit dem vergangenen Gedenktag verstorben sind. Der Troisdorfer Pfarrer Marc Jansen erinnert daran, Menschen nicht auf das zu reduzieren, was sie belastet, sondern sie in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Deshalb stehen an diesem Tag die Menschen, die fehlen, im Vordergrund – und die Geschichten, die die Trauernden mit ihnen verbinden.
Bereits in den Tagen zuvor hatte das Gedenken im Café Koko begonnen. Marc Traub, Praktikant der Sozialen Arbeit, hatte Besucher*innen gefragt, welche Gedanken sie mit dem 21. Juli verbinden. Aus ihren Antworten entstand eine Collage, die bis zum 28. Juli im Kirchencafé der Evangelischen Friedenskirchengemeinde Troisdorf ausgestellt wird. Darin kommen Trauer und persönliche Erinnerungen ebenso zum Ausdruck wie die unterschiedlichen Erfahrungen und Hoffnungen. „Drogen bestimmen mein Leben seit 40 Jahren“, schreibt einer der Besucher*innen. Ein anderer hält fest: „Ich bin sauber. Ich hoffe, dass das so bleibt.“

© Nastassja Lotz/Diakonie An Sieg und Rhein
Der Gedenktag richtet den Blick damit auch auf die Gegenwart: darauf, was Menschen mit einer Suchterkrankung brauchen, damit gesundheitliche Risiken verringert und Leben geschützt werden können. Die Suchthilfe der Diakonie An Sieg und Rhein bietet dafür im Rhein-Sieg-Kreis niedrigschwellige Unterstützung. Im Café Koko finden Menschen einen geschützten Aufenthaltsort, Beratung und medizinische Grundversorgung. Bei Bedarf vermittelt das Team sie in weiterführende Hilfen.
Diese Angebote entwickeln sich weiter. Die Suchthilfe hat eine Genehmigung beantragt, künftig in ihrem Drogenkonsumraum Drug-Checking anbieten zu können. Dabei können mitgebrachte Substanzen auf ihre Inhaltsstoffe und Verunreinigungen untersucht werden. Das ermöglicht eine bessere Einschätzung gesundheitlicher Risiken und Warnungen vor besonders gefährlichen Beimischungen. Drug-Checking ist damit ein weiterer Baustein, um gesundheitliche Schäden zu reduzieren und drogenbedingte Todesfälle zu verhindern.
Während die Suchthilfe neue Wege geht, hat sich auch Tanjas Leben in den vergangenen Jahren verändert. Sie nimmt heute keine illegalen Drogen mehr und erhält Methadon im Rahmen einer Substitutionsbehandlung. „Ich sehe die Welt mit ganz anderen Augen“, erzählt sie. Kleine Dinge nehme sie heute wieder bewusst wahr. „Man lebt wieder und spürt das Leben in sich.“ Gleichzeitig bleibt die Erinnerung an Dirk. Für sie gehört beides zusammen: weiterzuleben und die Menschen nicht zu vergessen, die fehlen.
Evangelischer Kirchenkreis An Sieg und Rhein
Pressemitteilung vom 21. Juli ’26 um 15:54 h






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