Seid endlich laut und deutlich!

Seid endlich laut und deutlich!
Ein Kommentar
Von Superintendentin Almut van Niekerk

Uns ist ja schon manches geboten worden vom amerikanischen Präsidenten: wichtige ausgehandelte Sicherheitsabkommen werden gekündigt, Nationen provoziert, Umweltstandards abgesenkt, Kinder an der Grenze zu Mexiko den Eltern entrissen und in Gefängnissen über Monate und Jahre festgehalten. Für mich ist das menschenverachtend und gefährlich.

Nun hat er friedliche Demonstrierende mit Tränengas vor einer Kirche in der Nähe des Weißen Hauses vertreiben lassen und sich selbst für einen Fototermin davorgestellt – in der Hand die Bibel. Die hält er demonstrativ hoch. Dazu gab es weitere aufhetzende Reden. Ich finde das diabolisch.

Zur Erinnerung: Ein Mensch wurde brutal ermordet. Das dokumentierende Video ist für mich nicht auszuhalten. Es verdeutlicht, dass hier nicht ein verrückter zufällig weißer Polizist seine Macht missbraucht, sondern dass es eine strukturelle und gesellschaftlich mehrheitlich akzeptierte Diskriminierung von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe gibt. Deshalb demonstrieren viele (ungefähr 95 Prozent) friedlich gegen Rassismus. Die wenigen gewalttätigen Protestler werden aber medial zur Bedrohung hochstilisiert und schaffen es in die öffentliche Wahrnehmung, so dass das gesellschaftliche Anliegen dahinter verschwindet. Dabei erlebt die amerikanische Bevölkerung täglich die Folgen von Rassismus.

Das Kirchgebäude, das der Präsident für seine Show benutzte, gehört zur evangelischen Episkopalkirche. Die Bischöfin Mariann Edgar Budde hat ihm für diese Aktion wunderbar klar Kontra gegeben und ich schließe mich ihr voll und ganz an.

In den letzten Wochen haben wir trotz Corona intensiv an das Ende des 2. Weltkriegs, die Befreiung der Konzentrationslager und die hohen Opferzahlen erinnert. Voller Hochachtung wurde Widerstandskämpfern wie Dietrich Bonhoeffer gedacht, die sich dem Nazi-Regime widersetzten. Bei uns gilt Antifaschismus als Bürgerpflicht in einem demokratischen Staat. Dass der amerikanische Präsident nun das Wort Antifaschismus mit „Terror“ gleichsetzt, ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern ein massiver Angriff auf unsere gesellschaftlichen Werte.

Eins möchte ich noch hinzufügen: Wer erschüttert ist über das, was derzeit in den USA passiert, sollte genau hinhören, was jeden Samstag den Fußballspielern mit dunkler Hautfarbe in den Stadien zugebrüllt wird – hier in Deutschland, und wogegen der DFB nichts tut außer der Veröffentlichung von ein paar lapidaren Worten. Aber gegen Spieler, die auf ihrem T-Shirt eine schlichte Botschaft in Solidarität mit dem getöteten George Floyd und anderen Opfern des Rassismus tragen, wird ein Verfahren eröffnet. Es gibt hier in Deutschland auch noch sehr viel zu tun!


Evangelischer Kirchenkreis An Sieg und Rhein

Pressemitteilung Nr. 66 vom 03. Juni 2020, 15:19 h

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