Beitrag von Pfarrer Peter Gottke

„Sorry seams to be the hardest word …“
Beitrag von Pfarrer Peter Gottke zum 8. Mai 2020

Siegburg, 4. Mai 2020. „Das Geheimnis der Erlösug heißt Erinnerung“ – an diese alte jüdische Weisheit erinnert Pfarrer Peter Gottke zum 75. Jahrestag der Befreiung und des Endes des Zweiten Weltkriegs, dem 8. Mai. In seinem Text spricht der Theologe über Schuld, Vergebung und Umkehr. Und zitiert auch Elton John: „Sorry seams to be the hardest word …“ Peter Gottke ist Gemeindepfarrer in Troisdorf und Mitglied im Vorstand des Kirchenkreises An Sieg und Rhein. Sein Beitrag im Wortlaut

  1. Mai 2020
    Die Erinnerung an den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkriegs hat viel mit der Frage zu tun, was für uns Schuld und was für uns Vergebung wirklich bedeutet. Beide Worte spielen in unserer Verkündigung ja eine große Rolle. Und an dieser Stelle empfinde ich es fast so wie einen Lackmustest, ob wir immer nur davon reden oder ob wir diese Worte auch ganz konkret in unser Leben umsetzen können. Es sagt sich so leicht im Vater Unser: Vergib uns unsere Schuld!
    Zwei Erlebnisse verbinde ich mit diesem Tag.  Einmal die bewegende Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Für mich persönlich war diese Rede eine Befreiung, weil sie deutlich machte, dass es die Vergebung von Schuld nur gibt, wenn wir uns der Schuld stellen, indem wir erinnern und indem wir daraus die Verpflichtung entstehen lassen, alles dafür zu tun, dass wir uns nicht wieder in Feindschaft und Hass gegenüber Menschen anderer Hautfarbe, Religion und Herkunft treiben lassen. Eine Botschaft, die auch 35 Jahre nach dieser Rede nichts an Aktualität verloren hat.
    Meine zweite besondere Begegnung mit diesem Tag hatte ich in den Jahren, in denen ich in Kopenhagen lebte. Die Dänen begehen diesen Tag schon am 4. Mai, weil für sie der Krieg vier Tage früher vorbei war. Noch heute stellen sie am Abend des 4. Mai Kerzen in ihre Fenster, sie erinnern an das Ende der verhassten Verdunklung, aber sie symbolisieren auch die wieder gefundene Freiheit. Eine dänische Freundin sagte damals zu mir: „Heute mögen wir dich nicht, Peter, aber morgen haben wir dich wieder lieb!“
    Mir ist damals klar geworden, dass wir als Deutsche uns immer wieder dieser Schuld stellen müssen. Dass Vergeben nicht Vergessen heißt, sondern dass in der Erinnerung an diese Zeit eine große Chance besteht. Die Chance, aus der Geschichte zu lernen, sensibel zu sein, wo und wie auch immer die Würde der Menschen verletzt wird. Nichts anderes meint die biblische Botschaft von Schuld und Vergebung oder Dietrich Bonhoeffers Begriff von der billigen und teuren Gnade. Weizsäcker zitiert in seiner Rede eine alte jüdische Weisheit: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“
    Wenn in der Bibel von Umkehr die Rede ist, dann meint das nicht eine einmalige Handlung an einem bestimmten Datum, sondern dann meint das eine dauernde Aufgabe. Wir brauchen solche Tage, um immer wieder von Neuem angestoßen zu werden, Schuld zu erkennen und anzuerkennen, Gott und die Menschen um Vergebung zu bitten und um immer wieder umzukehren. Das ist keine leichte Aufgabe. Elton John beschreibt es in einem seiner Songs so:
    „Sorry seams to be the hardest word …“

Evangelischer Kirchenkreis An Sieg und Rhein
Pressemitteilung Nr. 56 vom 04. Mai 2020, 12:26 h

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.